Gewalt im Lockdown

 Maren Haukes-Kammann

Dipl.- Soz. Wiss.

Frauenberatungsstelle IMPULS

 

Bereits zu Beginn des Lockdowns wurde verstärkt die Frage nach einem Anstieg von Gewaltdelikten in jeglicher Form thematisiert. Viele Menschen aus unterschiedlichen Lebensbereichen und Arbeitsfeldern fragten uns als kreisweit arbeitende Frauenberatungsstelle immer wieder - gleichermaßen interessiert wie besorgt – ob es einen Anstieg an Beratungszahlen im Hinblick auf das Thema Gewalt gibt.

Eigentlich war die Antwort immer die gleiche, nämlich dass es zu früh sei, eine klare Prognose zu formulieren, welche Auswirkungen ein derartiger Lockdown für uns und unsere Gesellschaft hat. Was wir aber unmittelbar feststellen konnten war, dass viele Frauen aus bestehenden Beratungskontakten einen umfangreicheren Unterstützungsbedarf anmeldeten, da bestehende Helferstrukturen und -netzwerke plötzlich nicht wie gewohnt zur Verfügung standen. Zudem wurden viele lebensnotwendige Dinge des täglichen Lebens plötzlich kompliziert. Beispielsweise ist es für eine stark traumatisierte Frau sehr wohl eine große Hürde mit viel Triggerpotential, den Wocheneinkauf mit einer Maske zu stemmen. Umgangskontakte in Trennungsfamilien wurden zum Schlachtfeld für Machtspiele. Das Homeschooling mit 4 Kindern wurde zur Zerreißprobe.

Speziell auf das Thema Gewalt geschaut, spielen derartige Strukturen und Auflagen wie sie die Pandemie erfordern, Täter-Opfer-Strukturen enorm in die Karten. Das Ausüben und Aufrechterhalten von Kontrolle und Macht, das Isolieren und Manipulieren in Gewalt- und Missbrauchsstrukturen funktionieren auch ohne die aktuelle Situation oft über sehr lange Zeiträume. Es ist also mit unserem gesunden Menschenverstand zu erahnen, welches erhöhte Gewalt - und Machtmissbrauchspotenzial das zu Hause sein, im Homeoffice arbeiten, im Homeschooling sein, der Jobverlust, die starke Reduzierung bzw. Einstellung von Außenkontakten … beinhaltet.

Wir sollten uns für den Moment vom Festhalten an offiziell erfassten Zahlen & Daten verabschieden und stattdessen unser Bewusstsein für das Gefahrenpotenzial in dieser besonderen Zeit vor Augen führen, es ernst nehmen und wach & sensibel in unserer Wahrnehmung bleiben.